Die siebte Gemeinde

Klappentext:

Ein geheimes Dokument scheint der Grund für den Tod Robert Seydels zu sein. Sein Sohn und Emma machen sich auf die Suche nach dem mysteriösen Buch und dem gefährlichen Mörder.–800 Jahe zuvor ist Arusch auf der Flucht vor Kreuzrittern im mittelalterlichen Konstantinopel. Heute wie damals beginnt das Grabtuch Jesu Christi, in den Mittelpunkt zu rücken.


Prolog

  »… und sie werden die Heilige Stadt zertreten, zweiundvierzig Monate lang.« Offenbarung 11,2  

Köln | Innenstadt | 10. Februar 2008 | 7.10 Uhr

Marco Baric hüpfte beschwingt durch das Treppenhaus nach oben zu seiner Wohnung. Seinen verstaubten Rucksack schwang er gut gelaunt neben sich hin und her. Eine blonde Frau im Hosenanzug drückte sich an ihm vorbei und eilte die Treppen hinab. »Guten Morgen, Frau Seiffert«, rief Marco ihr hinterher. »Na, geht’s zur Arbeit, oder wie?« »Sehr witzig, Marco.« Die untersetzte Mittvierzigerin hob abfällig ihren Arm und rannte weiter die Stufen herab. »Du hast gut reden um diese Zeit.« Marco lachte ihr nach. »Ich leg mich dann jetzt mal ins Bett, Frau Seiffert. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Arbeitstag.« »Frecher Bengel.« Ruth Seiffert schüttelte grinsend ihren Kopf und verließ das Appartementhaus. Marco genoss die neidischen Blicke seiner Nachbarn, wenn er morgens von der Arbeit nach Hause kam. Vergessen waren für einen Augenblick die Leiden, die er ertragen musste, wenn er sich abends zum Dienst schleppte, während seine Kumpels nach dem vierten Kölsch erst richtig auf Touren kamen. In seiner Wohnung im fünften Stock schleuderte er den Rucksack neben den Schreibtisch und warf einen Blick auf die Straße. »Viel Spaß, ihr armen Schweine da unten«, rief er durchs geschlossene Fenster und deutete hinter sich Richtung Schlafzimmer. »Das hier nenn ich ausgleichende Gerechtigkeit.« Er drückte den Fernseher an und setzte sich einen Kaffee auf. Entgegen seinem vorlauten Geplapper konnte er sich nach Feierabend nie direkt ins Bett legen. Mindestens eine Stunde brauchte er, um herunterzukommen. Kaffee war für diesen Zweck ein perfekter Begleiter. Gähnend stellte er die Pulverdose in den Schrank zurück und warf die Tür zu. In diesem Moment krachte der Hängeschrank auf den Boden und sämtliche Tassen und Teller krachten vor Marcos Füße. In der Wand, an der zuvor noch ein Küchenschrank hing, klaffte ein zwei Meter langer Riss. Marco wich einen Schritt nach hinten, verlor den Halt und fiel rücklings gegen den Küchentisch. Der Boden unter ihm schwankte bedrohlich. »Was zum Henker …?« Er robbte zum Fenster und zog sich an der Fensterbank nach oben. Ein ohrenbetäubendes Donnern hallte durch Marcos Wohnung, und die restlichen Schränke fielen in sich zusammen. Der Weg aus der Küche war versperrt. Ängstlich drehte er sich um und starrte aus dem Fenster. Alles ruckelte und bebte und ehe er sich versah, kam die Straße, auf die er schaute, sekundenschnell auf ihn zu. Verschlungen zwischen Staub und Schutt stürzte Marco mitsamt dem gesamten Haus in die Tiefe.  

Köln | U-Bahn Baustelle | 10. Februar 2008 | 7.15 Uhr

Jürgen Koch hielt seinen Helm am Kopf fest und bückte sich durch die Öffnung hindurch in den neuen Seitenschacht der U-Bahn-Baustelle. »Moin, Jungs! Alles klar bei euch?« »Moin, Chef«, antworteten ihm die drei Arbeiter einhellig, während sie weiterhin einen Haufen Schutt in eine Schubkarre schaufelten. »Wie sieht’s aus, Leute? Bekommt ihr das Ding heute noch freigeräumt?« Einer der Arbeiter stellte die Schaufel ab und kratzte sich an der Seite. »Ich weiß ja auch nicht, Chef, aber das Zeug rutscht ständig nach und mit dem Bagger kommen wir hier noch nicht hinein. Vollkommen instabil die verdammte Kacke. Möglicherweise sollten wir noch einmal mit den Statikern sprechen?« Jürgen leuchtete mit seiner Taschenlampe die Wände ab. »Hm, sieht eigentlich alles normal aus, wenn ihr mich fragt.« »Dann schauen Sie sich mal die Scheiße vorne beim Winnie an. Da sind die Stützen bereits abgesackt.« »Ihr macht Witze.« Jürgen stakste über Werkzeug hinweg und begab sich zu seinem zweiten Trupp im hinteren Bereich des Tunnels. »He, Winnie«, rief er in den Schacht hinein. »Ich hab gehört, bei euch gibt’s Probleme. « Er erhielt keine Antwort. Verunsichert strahlte Jürgen jeden Zentimeter des Bauabschnitts ab, da ertönten aus dem Dunkeln schnelle Schritte. Er hielt die Lampe nach vorne und sah drei Schatten auf sich zulaufen. Ohne ihren Chef anzuschauen, stürmten die Männer an ihm vorbei. Erst im letzten Moment konnte Jürgen einen der Arbeiter am Arm packen. »He, Winnie, was ist denn hier los?« Dieser riss sich von seinem Boss los und folgte seinen enteilten Kollegen. »Raus hier, Chef! Raus!« Jürgen leuchtete irritiert in die Richtung, aus der die Arbeiter geflüchtet kamen. Das Letzte, was seine Lampe erfasste, war eine gewaltige Feuerwalze, die über Jürgen und seine Männer hinwegfegte.  

Nahe Köln | 13. Februar 2008 | 7.28 Uhr

Das warnende Piepsen der Pulsuhr durchdrang die behagliche Ruhe des Waldes. Keuchend hetzte Patrick Gerdes über den in der Morgensonne dampfenden Waldboden. Mit seinen kräftigen Schritten verscheuchte er eine Horde Spatzen, die aufgeregt aus dem Dickicht schossen. Patrick nickte zufrieden. Er wollte, dass sein Puls derart in die Höhe schnellte. Er wollte seinen Körper spüren. Ständig musste er an den Anruf vor drei Tagen denken. »Wir haben Ihren Sohn«, hatten sie ihm am Telefon mitgeteilt. »Ihm geschieht nichts, wenn Sie uns die Skripte übergeben.« »Auf was warten wir noch«, hatte er Vicky angeschrien. »Das Leben unseres Sohnes steht auf dem Spiel.« »Das verstehst du nicht«, versuchte Vicky, ihn zu beruhigen. »Diese Gemeinschaft ist eine Horde Wahnsinniger! Wir können die Unterlagen nicht einfach so hergeben. Das bin ich meinem Vater schuldig. Außerdem hab ich sie nicht mal eben in meinem Nachttisch. So leicht geht das nicht. Mach dir keine Sorgen, wir bekommen unseren Nathan schon zurück. Das verspreche ich dir. Wir müssen uns nur ein paar Tage gedulden. Mir fällt schon etwas ein.« Patrick hüpfte elegant über eine Pfütze. So oft es sein Terminkalender in der Steuerkanzlei zuließ, absolvierte er morgens diese Joggingstrecke. Kurze, steile Anstiege, die gleich darauf wieder rasant abfielen und holprige, von spitzen Steinen gespickte Pfade sowie zugewachsene Feldwege verlangten seinem bulligen Körper das Äußerste ab. Adrenalin jagte ihm durch den Leib. Seine Muskeln waren zum Bersten angespannt. Nur ein unachtsamer Fehltritt auf dieser morschen Brücke, und er musste den Heimweg mit gebrochenem Knöchel antreten. Doch genau einen solchen Kick brauchte er an diesem Morgen. Das Laufen half ihm, endlich einen klaren Gedanken zu fassen. »Wir müssen uns gedulden. Wir müssen uns gedulden. « Wütend wiederholte er Vickys Worte und ballte seine Hände zu Fäusten. Zwar war ihm ihre Vergangenheit seit Langem bekannt, sie hatte ihm kurz nach ihrem Kennenlernen davon berichtet, doch waren ihm die Ausmaße nie so bewusst, wie in den letzten Tagen. Niemals hätte er geglaubt, dass diese Dokumente eine solche Brisanz für jemanden besaßen. Als Atheist waren ihm derlei Dinge egal. Zweitausend Jahre alte Aufzeichnungen irgendeines Propheten, damit konnte er nichts anfangen. Doch seit Jahrhunderten bestimmten die Papiere das Leben von Vickys Familie. Stets darauf bedacht, deren Existenz vor einer skrupellosen Gemeinschaft zu verheimlichen. Er liebte Vicky, also unterstützte er sie. Allen Anstrengungen zum Trotz wurde vor wenigen Wochen ein Beweis ans Licht getragen. Zwar durch Zufall, aber was half das schon? Ein Beweis, der fast jeden der ihn kannte, in den Wahnsinn trieb. Erst recht hier in Köln. Deutete die Prophezeiung doch auf eine Vernichtung der Stadt hin. Wenn? … Ja, wenn? … Dafür wollte die Gemeinschaft das Buch, hatte Vicky ihm erklärt. Als er heute Morgen dann seine Joggingschuhe aus der Ecke hervorgeholt hatte, protestierte sie lautstark. »Ich muss das tun«, hatte er sich gewehrt. »Ich muss endlich einen klaren Gedanken fassen, und das kann ich nur im Wald. Nachher im Büro muss ich wieder so tun, als wäre nichts passiert. Ich habe ein ungutes Gefühl. Irgendwas scheint dort nicht zu stimmen. Ich hoffe, dir fällt eine Lösung ein, sonst werde ich bald die Polizei benachrichtigen. Etwas, was wir schon viel früher hätten tun sollen.« Ein flüchtiger Kontrollblick auf sein Handgelenk verriet Patrick, dass er seinen Schritt etwas verlangsamen sollte. Sein Puls explodierte regelrecht. Ein beiläufiger Blick, der ihn die wachsame Sicht nach vorne, für einen Moment vergessen ließ. Ein Blick, der ihn nicht bemerken ließ, dass sich im Gebüsch vor ihm ein Schatten auftat. Ein Blick, der ihm aus dem Augenwinkel heraus noch schemenhaft ein vertrautes Gesicht erkennen ließ. Ein Blick, der sein Letzter war.

KAPITEL 1

  »Schreib das, was du siehst in ein Buch, und schick es an die sieben Gemeinden« Offenbarung 1,11  

Nahe Konstantinopel | 16. April 1204

Am Horizont stiegen seit Tagen dunkle Rauchschwaden über der Stadt auf. Je nach Windrichtung trieben sie Arusch den Duft von verbranntem Holz oder Fleisch in die Nase. Wenn er nicht gewusst hätte, um welche Art von Fleisch es sich handelte, er hätte sogar etwas Appetit bekommen. Doch so verspürte er einfach nur Ekel. Was er in den letzten Tagen beobachtet hatte, ließ ihn zweifeln, ob auch nur ein Funken Güte in diesen Rittern steckte. Viele hatten ihm abgeraten, nach Konstantinopel zu reisen. »Dort tut sich nichts Gutes«, hatten sie ihm gesagt. »Bleib dieser Stadt fern!« Doch er konnte nicht anders, er hatte es seinem Vater versprochen. Seit vier Tagen befand er sich nun auf dieser Anhöhe, die ihm als Versteck diente. Sie lag unmittelbar vor der belagerten Stadt, abseits der üblichen Pfade auf einem kleinen Hügel, mit Blick auf eine Lichtung. Er hatte es zufällig entdeckt, als er sich an den Truppenlagern vorbeigeschlichen hatte und vor einer Reitergruppe in die Hecken springen musste. Geschützt wurde Arusch durch zahlreiche Sträucher am unteren Rand der Anhöhe sowie von ringsum verstreuten Findlingen. Zusätzlich versperrten knorrige Bäume am flach ansteigenden Hang die Sicht auf sein Versteck. Zwischen den Felsen konnte man in Ruhe ein Lager errichten und sogar ein Feuer entzünden. Bei dem nicht enden wollenden Qualm, der über der Stadt schwebte, fiel seine Flamme nicht weiter auf. Dennoch wurde Arusch ungeduldig. Er musste sich etwas einfallen lassen, wollte er in die Stadt gelangen. Er hatte seinem Vater versprochen, nichts unversucht zu lassen. »Die Zeit ist reif«, hatte dieser vor Monaten am Krankenbett zu ihm gesagt. »Ich bin zu schwach und muss die Aufgabe nun an dich weiterreichen. Ich war zu meinem Bedauern nie in der Lage dazu und musste es stets hinauszögern. Krieg und Vertreibung haben mich immer wieder gehindert. Und nun schau mich an …« Dann hatte er Arusch das Buch des Propheten in die Hände gedrückt. »Ich habe dir vor Jahren die Bedeutung des Buches erläutert«, fuhr er fort. »Uns und unserer Stadt brachte es bisher nur Tod und Unheil. Die Worte darin sind mächtig. So mächtig, dass sie Städte zerstören können und es bereits getan haben. Denke nur an Edessa. Zusammen mit den sechs anderen Büchern können die Worte gar die ganze Welt vernichten. So, wie der Prophet es vorausgesagt hat. Doch nur mit diesem Buch und nur …«, er schüttelte mit dem Kopf, »du kennst die Prophezeiung. Ich habe sie dir oft genug erzählt.« Anschließend hatte er Arusch von seinem Bett weggeschoben. »Geh nun, denn ich weiß nicht, wie lange wir es noch schaffen, unseren Aufenthaltsort vor unseren Verfolgern zu verheimlichen. Geh und tue das, wozu mir stets der Mut gefehlt hat.« Zunächst hatte Arusch Bedenken geäußert, doch er wollte sich der Herausforderung stellen. »Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater!« Durch gellende Schreie wurde Arusch aus seinen Gedanken gerissen. Die schrillen Laute kamen vom Waldweg herauf. Vorsichtig robbte er auf allen Vieren nach vorne und spähte auf die Lichtung. Fünf Ritter mit gezogenem Schwert trieben zwei Männer und eine Frau vor sich her, deren Hände sie ihnen auf den Rücken gebunden hatten. Die Soldaten trugen dunkelrote Waffenröcke und abgewetzte beige Beinlinge, die mit Blutspritzern übersät waren. Die Gesichtszüge der Ritter waren kantig, und ihre Augen wirkten auf Arusch dunkel. Auf dem Gewand zweier Ritter konnte er ein goldenes Kreuz erkennen, und die Männer sprachen eine Sprache, die er nicht verstand. Er fand, dass es nasal klang. Einer der Gefangenen, ein rundlicher kleiner Mann, redete angsterfüllt auf die fünf Antreiber ein. Sein Gesicht war blutverschmiert, und am gesamten Körper erkannte man offene Wunden. Das Oberhemd war zerrissen und von Fackelstößen versengt. Auch seine Mitgefangenen boten ein ähnlich erbärmliches Bild. Der schluchzenden Frau hatte man den Großteil ihrer Haare abgeschnitten. Aus der Ferne konnte man kaum noch erkennen, ob sie nun blond oder schwarzhaarig gewesen war. Den Dritten im Bunde zerrten die Männer an einem Seil hinter sich her. Aus seinen Augenhöhlen quoll ein Rinnsal von Blut und Eiter. Arusch musste genauer hinschauen, um festzustellen, dass diesem bereits die Augen herausgestochen wurden. »Versteht ihr denn nicht?«, schrie der erste Häftling. »Ich kann euch zu versteckten Schätzen in der Stadt führen. Schätze, die ihr mit keinem teilen müsst. Ich kenne geheime Plätze. Ihr werdet durch mich reich werden! So hört mich doch!« Doch entweder konnten die Ritter ihn nicht verstehen oder sie wollten es nicht. Sie trieben die Gefesselten laut grölend voran. Ihre Absicht schien eindeutig. ›Das könnte deine Chance sein‹, dachte Arusch und überlegte, was er tun sollte. Lange genug hatte er auf eine Möglichkeit gewartet, um in die Stadt zu gelangen. Mit fünf Männern, die nicht mit einem Angriff rechneten, konnte er es aufnehmen. Schließlich würde sein Versteck nicht ewig unentdeckt bleiben. Ohne weiter nachzudenken, rutschte er zwischen den Felsen zurück und griff sich sein Schwert sowie den Bogen. Aus dem Köcher nahm er lediglich einen einzigen Pfeil. Den Rest wollte er mit dem Schwert entscheiden. Sein Lederbündel verbarg er noch schnell unter einem Steinhaufen, und dann rannte er los. Es war Eile geboten. Die Schreie der Frau und das Gejohle der Männer drangen immer lauter zu ihm hinauf. Er glitt geschmeidig zwischen Bäumen und Sträuchern den Hang hinab. Nur wenige Schritte vor der Gruppe verschanzte er sich hinter einem Baum und beobachtete die Szenerie. Die Männer rissen der Frau die restlichen Kleider vom Leib und schleuderten sie zu Boden. Zwei der Ritter zogen ihre Beinlinge hinunter und warfen sich geifernd über ihr Opfer. Wild entschlossen und mit einem kurzen Gebet auf den Lippen legte Arusch seinen Bogen an, um dem Treiben ein Ende zu setzen. Er feuerte seinen Pfeil ab, der sich mitten durch den Hals eines Ritters bohrte. Der Getroffene fiel rudernd vornüber und landete röchelnd auf dem Rücken eines seiner entblößten Kameraden. Unfähig zu schreien, da ihm der Kehlkopf weggerissen wurde, hauchte der Mann sein Leben aus. Die verbliebenen vier Kreuzritter schauten sich verdutzt um und sahen nur noch einen jungen Mann mit schwarzem langen Haar und erhobenem Schwert geradewegs auf sich zustürzen.

KAPITEL 2

»Und der Engel sagte zu mir: Diese Worte sind zuverlässig und wahr. Gott der Herr über den Geist der Propheten hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.« Offenbarung 22,6

Köln | 23. Februar 2008

»Frau Kemmerling? – Hallo?« Emma Kemmerling starrte gedankenverloren auf ihren Flachbildmonitor. »Frau Kemmerling!«, hallte es nun lauter im Raum. »Haben Sie mich verstanden?« »Wie bitte?«, erwiderte Emma. Sie blickte ihrer Mandantin, Waltraud Steckel, verwirrt in die Augen und nickte mechanisch mit dem Kopf. »Ja, selbstverständlich habe ich Sie verstanden, Frau Steckel. Dieser Stapel Belege hier«, sie tippte schnell mit dem Finger darauf, »gehört zu Ihren Krankheitskosten, nicht wahr?« Waltraud Steckel, eine untersetzte Dame Ende sechzig, huschte ein Lächeln übers Gesicht. »Genau, das sind meine Krankheitskosten. Ein merkwürdiger Begriff, wenn ich das anmerken darf.« Mit einem tiefen Atemzug holte sie zu einem weiteren Redeschwall aus. Dabei fielen ihre struppigen schwarzen Locken über ihre breiten Schultern zurück. »Das vergangene Jahr war ein besonders schlimmes müssen Sie wissen. Da war zum einen diese Geschichte mit meiner Hüfte.« Sie erhob ihren Körper aus dem Ledersessel und klopfte sich demonstrativ gegen ihr korpulentes Becken. »Da liegt man bei 35 Grad im Schatten hilflos in einem Krankenhausbett, muss sich mit der Erniedrigung einer Bettpfanne abgeben, und dann bilden sich noch Ekzeme an Stellen, die ich hier nicht näher beschreiben möchte.« Sie setzte sich wieder auf ihren Platz, stütze keuchend ihre Hände auf die Knie und holte tief Luft. »Und wenn Sie glauben, Frau Kemmerling, dass das alles war, … nein, im November kam dieses merkwürdige Rasseln in der Lunge …« »Äh, ja, ich verstehe, Frau Steckel«, unterbrach Emma den nicht enden wollenden Redefluss. »Das muss fürchterlich gewesen sein.« Irgendwie musste sie Waltraud Steckel an dieser Stelle Einhalt gebieten. Sie hatte ja geahnt, was auf sie zukommen würde, als sie vor einer Woche diesen Termin mit ihr vereinbarte. Doch war es jedes Jahr ein erneuter Schock, die unendlichen Krankheitsgeschichten von ihr zu erfahren. Ekelerregende Details, die jede Vorlesung eines Medizinprofessors vor Neid erblassen ließen. »Ich denke, Frau Steckel«, fuhr Emma entschlossen fort, »wir hätten alles beisammen. Ich werde mir Ihre Unterlagen noch einmal in Ruhe anschauen und Sie dann telefonisch informieren. Falls Fragen aufkommen sollten, habe ich ja Ihre Telefonnummer. Ich denke aber, dass alles besprochen wurde.« »Glauben Sie denn, ich hätte dieses Jahr eine Erstattung vom Finanzamt zu erwarten?« Beharrlich hockte die rundliche Frau auf ihrem Stuhl und blickte fragend über den Mahagonitisch hinweg. »Schließlich haben die Operationen eine Menge Geld gekostet, und wahrscheinlich steht im kommenden April noch eine weitere vor der Tür. Ich habe da nämlich …« Bevor Frau Steckel den Satz beenden konnte, drang das sonst so verhasste Klingeln des Telefonapparates durch den Raum. »Oh, das ist wichtig«, log Emma mit ernster Miene und hob unverzüglich den Hörer ab. »Kanzlei Carl, Menner & Schmitt, Sie sprechen mit Emma Kemmerling. … Ja, kleinen Augenblick bitte.« Emma legte den Hörer beiseite, erhob sich von ihrem Stuhl und streckte Frau Steckel lächelnd ihre Hand entgegen. »Das könnte länger dauern, Frau Steckel, aber wie gesagt, ich melde mich bei Ihnen, sobald die Erklärung fertig ist.« Freundlich schüttelte sie der Seniorin die Hand und schob sie galant zur Tür hinaus. »Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag!« Zurück an ihrem Schreibtisch, nahm Emma den Hörer wieder auf. »Mensch Ellen, Schwesterherz«, sagte sie erleichtert. »Eigentlich sollst du mich in der Kanzlei ja nicht anrufen, aber diesmal hast du mir echt das Leben gerettet.« Das Gespräch mit ihrer Schwester, in dem es wieder einmal um eine verlorene Liebe ging, war nach zehn Minuten beendet, und Emma konnte sich dem Tagesge17 schehen widmen. Ihr Blick fiel auf eine Holzkiste, die vollgestopft mit Ordnern neben ihrem Schreibtisch stand. Es handelte sich um die Unterlagen des Antiquitätenhandels ›Seydel & Seydel‹, die dort seit knapp zehn Tagen ruhten und bisher keinen Zentimeter fortbewegt wurden. Eine Aufgabe, die sie von ihrem Kollegen, Patrick Gerdes, übernehmen musste, da er überraschend beim Joggen ums Leben gekommen war. Die Todesursache hatte man ihnen nicht verraten, die Gerüchte in der Kanzlei gingen jedoch vom Genickbruch aufgrund eines Sturzes bis hin zum Herzinfarkt. Emma lief ein Schauder über den Rücken, als sie über die Beerdigung Anfang der Woche nachdachte. Die junge Familie wurde so früh auseinandergerissen. Emma bewunderte die Stärke, die Patricks Witwe während der Trauerfeier aufgebracht hatte. Stolz und erhaben hatte sie keine Miene verzogen, während sie hunderte kondolierende Hände schütteln musste. Emma zollte ihr Respekt, vor allem, dass sie es ihrem Sohn erspart hatte, an der emotionalen Zeremonie teilzunehmen. Beerdigungen waren nichts für Kinder. Bis sich ein Ersatz für Patrick gefunden hatte, mussten seine dringendsten Terminaufgaben nun an die Kollegen verteilt werden. Emma hatte den Antiquitätenladen der Seydels aufs Auge gedrückt bekommen. Sie musste Patrick bereits im vergangenen Jahr aushelfen. Da war es für die Chefs selbstverständlich, dass sie dies übernahm. Sie zuckte resigniert mit den Schultern. Irgendwann musste sie mit dieser ungeliebten Arbeit beginnen. Der Termin für die Abgabe stand unmittelbar bevor. Fünf Tage blieben ihr noch. Da nutzte auch kein Hadern über das komplizierte Ablagesystem der Seydels. Entschlossen griff sie den ersten Ordner aus der Holzkiste und warf ihn krachend vor sich auf den Tisch. Eine silbrige Staubwolke schnellte in die Höhe und stieg ihr unvermittelt in die Augen. »Bäh«, prustete Emma, wischte sich das Kribbeln aus dem Gesicht und schüttelte ihre dunkelblonden schulterlangen Haare. »Wo zum Teufel haben die Seydels diese Kiste her?« Schnuppernd streckte sie ihre Nase über den Holzkasten. Er roch modrig und abgestanden. An den Seiten baumelten zerrissene Spinnweben herab und Wasserflecken zogen sich über die verwitterten Bretter. Emma schüttelte verständnislos ihren Kopf. »Eine einfache Plastikkiste wäre für einen Antiquitätenhandel auch nicht standesgemäß gewesen.« Etliche Ordner später klopfte es leise an ihrer Bürotür. Ohne ein »Herein« abzuwarten, steckte Christoph Schiebel grinsend seinen braunen Lockenkopf durch die Tür. »Huhu, Emma!«, flötete er in den Raum und tippte ausholend auf seine Armbanduhr. »Komm, es geht los. Die Alt-Vorderen bitten zur Audienz!« Christoph Schiebel war wie Emma einer der Jung- Steuerberater der Kanzlei ›Carl, Menner & Schmitt‹ und mit seinen 33 ein Jahr älter als sie. »Ups, ist es schon fünfzehn Uhr?«, fragte sie entsetzt. »Die Konferenz mit den Chefs habe ich total vergessen. « Sie tippte fahrig gegen ihren Bildschirm. »Einen kleinen Augenblick brauche ich noch. Ich schreibe schnell meine E-Mail an Elias Seydel fertig und komme sofort nach.« »Sag bloß, du hast mit dem Antiquitäten-Fuzzi endlich begonnen?« Christoph lachte hämisch und rückte seine Brille mit den runden Gläsern zurecht. »Es ist doch erst der 23., da hast du doch noch fünf Tage Zeit bis zur Abgabefrist!« »Blödmann!« Emma rang sich ein Grinsen ab und wies entschlossen zur Tür. »Los, verschwinde! Ich fange nach der Sitzung hiermit nicht noch einmal an. Sag den Chefs, ich hätte ein dringendes Telefonat. In spätestens zehn Minuten bin ich oben.« Nach einer stundenlangen Sitzung stand Emma gedankenversunken im Flur vor dem Konferenzsaal und wippte auf ihren Zehen. Sie blickte beiläufig auf ihr Handgelenk. Es war 19 Uhr. Christoph trat von hinten an sie heran und klopfte ihr auf die Schulter. »Lohnt sich nicht, jetzt noch ins Büro zurückzugehen. Seit einer Stunde ist eigentlich Feierabend.« »Stimmt schon«, grummelte sie missgelaunt. »Aber du kennst mich. Ich muss auf meinem Schreibtisch noch klar Schiff machen, sonst kann ich nicht ruhig schlafen.« Christoph verdrehte seine Augen. »Ein Dummkopf hält Ordnung«, rief er durch den Flur. »Ein Genie beherrscht das Chaos.« »Ja, ja, du Genie. Verschwinde bloß! Wir sehen uns dann morgen.« »Ja, genau«, freute sich Christoph und hob triumphierend beide Arme. »Das Genie verschwindet. Bis morgen dann!« Zwanzig Minuten später blickte Emma auf einen blank geputzten Schreibtisch. Sie atmete tief durch. Papierberge abends liegen zu lassen, machten sie nervös. Alles musste fein säuberlich verstaut werden. Als Letztes schickte sie sich an, den Computer herunterzufahren, da sprang ihr der kleine Briefumschlag ins Auge, der neue E-Mails ankündigte. Beim zweiten Hinsehen erkannte sie, dass irgendein Schlauberger eine Nachricht ohne Betreff geschickt hatte. Beiläufig überflog Emma die Zeilen. »Hä, was ist das denn?« Ihre Augen fixierten den Monitor, bis sie durch ein metallisches Scheppern abgelenkt wurde. Ihr Blick fiel auf die längsseitige Fensterfront. Heftiger Hagel hatte eingesetzt. Angetrieben von stürmischen Böen peitschte der Niederschlag fast horizontal gegen die Scheiben und hämmerte auf die Aluminiumfensterbänke. Seit einer Woche spielte das Wetter bereits verrückt. Die letzten drei Tage hatte es permanent gefroren, und seit heute Morgen bestimmten dunkle Wolken das Kölner Stadtbild, was Emmas Stimmung nicht gerade aufhellte. Kopfschüttelnd schaute sie zurück auf den Bildschirm und las sich die soeben erhaltene Nachricht laut vor: »Emma! Finde das verlorene Buch, von dem man sagt, es sei ein Fluch. Musst Dich beeilen, wirst es bald erkennen, manch einer will es sein Eigen nennen. Bring es zu mir und alles kommt ins Lot, wenn nicht, dann bist auch Du bald tot!« ›Tot? Jemand droht mir mit dem Tod?‹ Emma blickte sich im Büro umher, als würde sie nach einer versteckten Kamera suchen. »Na toll«, murmelte sie abfällig. »Da hat sich jemand was ganz Lustiges einfallen lassen.« Ohne weiter nachzudenken, löschte sie die E-Mail. »Als hätten wir nichts Besseres zu tun.« Kurz darauf verließ sie das Gebäude. Regen hatte mittlerweile den Hagelschauer abgelöst, und das Wasser lief in Sturzbächen die Bordsteine entlang. Der stürmische Ostwind blies Emma eisig ins Gesicht, und die Regentropfen stachen wie kleine Nadeln auf sie ein. Sie drängte sich in die S-Bahn und sehnte die nahende Station herbei. Kaum als die Bahn zum Stehen kam, hechtete sie hinaus und rannte durch den Schutt die letzten Meter zu ihrer Wohnung, die sich im Parterre eines Appartementhauses befand. Erst jetzt, als sie zur Ruhe kam, bemerkte sie, dass sie im bisherigen Tagesverlauf kaum etwas zu sich genom21 men hatte. Ihr Magen rebellierte mit einem lauten Knurren. Nach einem dürftigen Tomatensalat und einem trockenen Baguette von gestern goss sie sich zum Abschluss des Tages einen Schluck Rotwein ein. Kurz nachdem sie sich zu leiser Musik auf ihre Couch fallen ließ, schlummerte sie ein. Einige Minuten später oder auch nur Sekunden, Emma vermochte es nicht zu sagen, riss sie ein Krachen aus dem Schlaf. Aufgeschreckt sprang sie von ihrer Couch, um nach dem Ursprung des Geräusches zu suchen, trat aus Versehen gegen das Rotweinglas und stieß es vom Couchtisch. Mit einem eleganten Sprung über die Weinlache hechtete Emma zum Fenster, um hinauszustarren. Doch außer dicken Regentropfen, die aus der Dunkelheit gegen die Scheibe prasselten, sah sie nichts. Sie lief zur Verandatür und untersuchte die Terrasse. Beim zweiten Hinsehen bemerkte sie, dass ein Stuhl umgestürzt auf der Seite lag. »Ach, den muss der Wind umgeweht haben«, murmelte sie erleichtert und öffnete die Tür. Ein heftiger Luftzug blies ihr ins Gesicht und drückte den Regen ins Wohnzimmer. Der Sturm stemmte sich gegen ihren schmalen Körper, dass sie sich anstrengen musste, überhaupt ins Freie zu gelangen. Der Wind pfiff ihr um die Ohren, während sie alles an seinen Platz stellte. Gerade als sie die Terrasse verlassen wollte, glaubte sie auf der Straße eine Gestalt huschen zu sehen. Im dichten Regen konnte sie jedoch niemanden ausmachen. Verärgert über ihre übertriebene Paranoia ging sie kopfschüttelnd zurück in ihre Wohnung und ließ mit einem lauten Knall die Tür hinter sich ins Schloss fallen. »Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich mir eine Wohnung im Parterre habe aufschwatzen lassen.« Nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf betrat Emma am nächsten Morgen phlegmatisch ihr Büro und nippte an ihrem Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. So sehr sie den Rotwein nach Feierabend auch liebte, fast jedes Mal bescherte er ihr einen gewaltigen Brummschädel. Bedächtig sank sie auf ihren Stuhl und schaltete den Computer ein. Ohne aufzustehen, rollte sie mit ihrem Stuhl an die Kiste mit den Seydel-Unterlagen, fischte einen Ordner heraus und schob sich zurück an den Tisch. Beim Blick zurück auf den Bildschirm waren ihre Kopfschmerzen sofort vergessen. Erneut befand sich eine E-Mail ohne Betreff in ihrem Postfach. Mit einem flauen Gefühl im Magen klickte sie auf die Nachricht: »Emma! Finde das verlorene Buch, von dem man sagt, es sei ein Fluch. Musst Dich beeilen, wirst es bald erkennen, manch einer will es sein Eigen nennen. Bring es zu mir und alles kommt ins Lot, wenn nicht, dann bist auch Du bald tot! Tu dies nicht ab als einerlei, sonst wirst du sein bald Nummer zwei!« »So, jetzt reicht’s aber«, stöhnte sie. »Dafür steht mir heute nicht der Sinn.« Sie nahm einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse und stapfte in das nebenan liegende Büro von Walter Köpges. Emma fand Walter in gewohnter Position hinter seinem Schreibtisch vor. Die halbmondförmige Lesebrille saß kurz vor dem Absturz auf dem untersten Stück seiner Nase, und er stierte angestrengt auf seinen Bildschirm. In genervter Haltung tippte er mit zwei Fingern auf der Tastatur herum. Auch wenn die Chefs es gerne anders gesehen hätten, trug Walter stets ein kariertes Wollhemd sowie eine dunkle Stoffhose. Auf die firmeninterne Kleiderordnung, Anzug mit Schlips, pfiff er. Emma konnte sich Walter auch gar nicht in einem Anzug vorstellen. »Das würde nicht zu seiner rundlichen Figur passen«, fand sie.