Advocatus Diaboli

 

Klappentext:

Der päpstliche Advocatus Diaboli untersucht die Wundertaten einer gewissen Hildegund. Mönche der Klosters Schönau und ein mysteriöser Abgesandter des Kaisers scheinen die Gegenwart des Advocatus zu fürchten.–Der Antiquitätenhändler Elias Seydel erhält ein historisches Dokument von einem Pfarrer. Kurz darauf wird der Geistliche tot aufgefunden. Mit seiner Frau und einem Historikprofessor versucht Seydel, Licht in den Fall zu bringen, was ihn nach Schönau im Odenwald führt.


Köln | heute

Pfarrer Pankraz Bruchschneller klebte mit seiner Nase buchstäblich an der Scheibe des Waggons. Immer langsamer werdend stoppte der Schnellzug schließlich mitten auf der Hohenzollernbrücke und ermöglichte ihm und sämtlichen Fahrgästen einen Blick auf das imposante Wahrzeichen der Stadt. Perfektes Postkartenpanorama. Nach Sekunden des Stillstands setzte sich der Zug wieder langsam in Bewegung. Pankraz war dem Anblick völlig erlegen, kannte er den Dom doch bisher nur aus Bildbänden oder dem Fernsehen. Zwar stand ihm mit dem Kloster Prüfening am Rande von Regensburg und seiner dortigen Pfarrei nicht die kleinste Kirche zur Verfügung, dennoch gab es für ihn in der Vergangenheit nicht viele Möglichkeiten, Bauwerke dieser Größe zu bewundern. Ein Abstecher in den Dom für ein Gebet, bevor seine Mission in Köln beginnen würde, war soeben beschlossene Sache geworden. Der Zug beschleunigte, und die Fahrgäste, die bereits in Massen die Gänge bevölkerten, wankten einen Schritt zur Seite. Beseelt von der Hektik, erhob sich auch der Sitznachbar von Pankraz, nicht ohne diesem beim Hantieren in der Gepäckablage seinen Hintern gegen die Nase zu drücken. Der Reisende zur Linken des Pfarrers bekam die Ecke einer Tasche ins Genick geschlagen, und kurzfristiger Unmut machte im Abteil die Runde. Pfarrer Pankraz ließ sich davon nicht beeindrucken. Er behielt den immer größer werdenden Dom im Auge, bis dieser unter dem Vordach des Bahnhofgebäudes endgültig aus seinem Sichtfeld verschwand. Der Zug stoppte und erneutes Gedränge setzte ein. Anschlusszüge mussten erreicht, Besprechungstermine eingehalten werden.Erst als der Waggon leer war, erhob sich Pankraz, packte seine schwarze Umhängetasche und verließ als einer der letzten Passagiere den Zug. Er hatte es nicht eilig. Erst um dreizehn Uhr hatte er seinen Termin. Bis dahin blieb ihm noch über eine Stunde. Abreisen wollte er bereits am frühen Abend. Für das, was er in der Stadt vorhatte, genügte ihm ein Nachmittag. Gemächlich ließ er sich von der Besuchermasse durch das Bahnhofsgebäude treiben. Es wunderte ihn, wie ruhig er heute war. Gedroht hatte man ihm. Seine Wohnung und die Pfarrei hatte man durchsucht. Was in seinem Fund drinstehen würde, hatte man ihn gefragt. Er konnte es nicht sagen. So oft er auch grübelte, er sah keine Verbindungen. Als ehrenamtlicher Leiter der historischen Bibliothek war er auf Unterlagen gestoßen, die jahrelang niemanden interessiert hatten. Die wenigen Seiten fristeten unübersetzt zwischen all den Folianten und Schwarten in den Bücherregalen ihr Dasein, wo sie ihm beim Umräumen in die Hände gefallen waren. Umso mehr kam er in Sorge, als eines Tages seine Wohnung verwüstet wurde. Wenige Tage zuvor hatte er sich gewissen Personen anvertraut, Von da an ließ er an Vorsicht walten. Er konnte es nicht verstehen, gab es doch keinerlei Hinweise auf verräterische Namen oder Ähnliches. Keine Verschwörungstheorien, nichts Verwerfliches oder Blasphemisches war darin zu lesen. Im Gegenteil. Um herauszufinden, was das alles zu bedeuten hatte, war er in Köln. Hier hoffte er, eine Antwort zu bekommen. Unter der Hand erzählte man sich in katholischen Kreisen von einem brisanten Fall, der sich vor Jahren in dieser Stadt abgespielt haben sollte. Dies hatte Pankraz eine Entscheidung treffen lassen. Er brauchte die Hilfe einer Person, die sich bereits damals der Kirche gegenüber neutral und loyal verhalten hatte und sich nicht scheute, ein Risiko einzugehen.Pfarrer Bruchschneller wurde die letzten Meter hinaus auf den Vorplatz geschubst und vom Bahnhof wie ein Kirschkern regelrecht ausgespien. Wie vom Blitz getroffen blieb er fasziniert stehen, um sogleich von hinten mit einem mürrischen »Hey« angerempelt und weitergestoßen zu werden. Pankraz interessierte das alles nicht, er richtete seinen Blick ausschließlich auf den Dom, der sich unmittelbar vor ihm erhob. Er fand ihn weitaus imposanter, als er es von seinem Sitzplatz aus hatte erahnen können. Ehrfürchtig stieg er die Treppen zum Gotteshaus hinauf. Er benötigte keine Kamera, um dieses Bild festzuhalten. Diesen Anblick würde für immer im Gedächtnis behalten. Pankraz warf einen Kontrollblick auf seine Uhr. Er würde ein Taxi in die Dürener Straße nehmen, ihm blieb demnach noch ausreichend Zeit. Auf den Schildern vor den Eingangsportalen des Doms las er, dass gerade die Mittagsmesse gehalten wurde und es keinen Einlass gab. Kurzfristig entschied er, einen Spaziergang um den Dom herum zu absolvieren. Auf der Domplatte wurde ihm ein buntes Treiben geboten. Künstler malten dreidimensionale Bilder auf den Boden, historisch gekleidete Figuren mimten Statuen, die sich bewegte, sobald man ihnen Geld zuwarf, und eine junge Frau in einem orientalischen Kostüm jonglierte mit drei Keulen vor einer applaudierenden Schülergruppe. Lediglich ein paar skateboardfahrende Halbwüchsige trübten mit ihrem Geklapper, das sie bei ihren Sprüngen verursachten, die mittelalterliche Stimmung des Spektakels. Pankraz sog die Atmosphäre auf wie ein Schwamm. Aus seiner Heimat war er ein derartiges Schauspiel nicht gewohnt. Für einen Moment war seine Aufgabe vergessen, die ihn während der kompletten Zugfahrt beschäftigt hatte. Die Minuten rannen dahin, und aus dem Augenwinkel erkannte er, dass die Vorderportale des Doms geöffnetwurden. Pankraz drehte auf dem Absatz um und schloss sich der Schlange an, die in die Kirche strömte. Letzte Weihrauchdüfte der Mittagsmesse waberten ihm entgegen, und der Pfarrer atmete tief in den Bauch ein. Der Geruch erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Er schlenderte durch das Kirchenschiff und betrachtete die verzierten Fenster. Nachdem er sich alles angeschaut hatte, suchte er einen Platz in den vorderen Bänken auf, um dem ewigen Licht ein Gebet zu widmen. Auf Knien versunken bemerkte er nach einer Weile, wie jemand zu ihm in die Reihe kam und sich unmittelbar neben ihn setzte. Pankraz missachtete den Besucher, bis er mit einem Mal von diesem am Kragen gepackt und auf die Bank zurückgezogen wurde. Erschrocken stierte der Pfarrer seinen Nachbarn an, der ihn freundlich anlächelte. »Ich hoffe, Sie haben sich nicht für allzu lange von Ihm verabschiedet«, sagte der Mann und nickte zum roten Schein des ewigen Lichtes. »Ich möchte nicht zuviel versprechen, aber vermutlich werden Sie ihn gleich persönlich treffen.« Pankraz runzelte fragend die Stirn. In diesem Moment spürte er einen Stich in der Hüftgegend. Der Mann zog die Spritze wieder heraus, die mit Leichtigkeit durch die schwarze Baumwollhose des Pfarrers gedrungen war, und steckte sie seelenruhig in seine Manteltasche zurück. »Ich hatte doch gesagt, dass Sie das unterlassen sollen. Was wollen Sie denn auch in Köln? Hier kann Ihnen niemand helfen.« Er schüttelte den Kopf. »Warum konnten Sie es nicht einfach auf sich beruhen lassen?« Dann griff er nach der Aktentasche des Pfarrers, tätschelte dem Verdutzten den Hinterkopf und erhob sich. »Sie erlauben, dass ich das an mich nehme, Hochwürden? Sie werden sie garantiert nicht mehr brauchen.« Der Mann verbeugte sich und schlich im Seitwärtsschritt aus der Bankreihe heraus. Pankraz war bewegungsunfähig, schreien unmöglich. Sein Mund öffnete sich, doch kein Ton entrann seinenLippen. Bruchstückartige Gedankenfetzen durchströmten ihn. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Gottlob hatte er die richtige Entscheidung getroffen. ›Der Umschlag‹, war sein letzter Gedanke, ehe er auf der Bank zusammensackte. ›Hoffentlich weiß er, mit dem Inhalt des Umschlages etwas anzufangen.‹  

KAPITEL 2

  »Femina fuit hic homo« – Eine Frau war dieser Mann!* (Ausspruch eines Mönches beim Waschen des soeben verstorbenen Novizen Joseph im Kloster Schönau im Jahre 1188 – *aus: „Eine Frau war dieser Mann“, siehe Bibliografie)  

Südlicher Odenwald | im Jahr 1223

Der morastige Waldweg wurde vor den beiden Reisenden zunehmend breiter. Wenige Schritte noch und sie konnten es wagen, sich wieder auf ihre Pferde zu schwingen. Anhaltender Regen über drei Tage hinweg hatte den Boden schwerfällig und schlammig werden lassen. Tief hängende, in den Weg hineinragende Äste und dorniges Gestrüpp machten ein bequemes Reiten unmöglich. Seit Wochen waren sie nun schon unterwegs und gönnten ihren Rappen auf diesem unwegsamen Gebiet eine Pause. Hugo von Trendelburg blieb vor einem Baumstamm stehen, bevor er darüber hinwegstieg. Angeekelt blickte er an sich herunter. Seine schwarze Soutane war bis zur Hüfte mit Schlamm bespritzt, sein Schuhwerk als solches nicht mehr zu erkennen. Er klopfte einen großen Dreckklumpen von seinem Gewand und drehte sich zu seinem Begleiter nach hinten um.Jacobus sah man die Strapazen der letzten Tage an. Er stapfte mühsam durch den Matsch, sein Gesicht blutleer und der Gang vornübergebeugt. Seine graue Kutte hing schlaff wie ein Sack an ihm herab, da er den Mönchsgürtel schon seit der vorletzten Nacht nicht mehr getragen hatte. Hugo hatte es ihm erlaubt. Ein rötlicher Ausschlag, der dem Novizen von der Hüfte aufwärts bis unter die Achseln reichte, schien ihm unbändige Schmerzen zu bereiten. Jakobus war mit seinen geschätzten zwanzig Lebensjahren um die fünfzehn Lenze jünger als Hugo. Ein Altersunterschied, der zu diesem Zeitpunkt der Reise nicht zu erkennen war. »Ich denke, wir können aufsitzen«, forderte Hugo seinen Begleiter auf. »Bis Sonnenuntergang werden die Pferde uns tragen können. Mit etwas Glück erreichen wir Schönau noch heute Abend.« Jacobus nickte stumm, blieb stehen, griff nach seinem Wasserschlauch und nahm einen großen Schluck. Dann griff er schmerzverzerrt nach den Zügeln und wuchtete sich auf seinen Gaul. Hugo wartete, bis sein Weggefährte zu ihm aufgeschlossen hatte, und hielt ihn am Arm fest. »Geht es dir auch wirklich gut, Jacobus? Du schwitzt, und mir scheint, als hättest du Fieber.« »Nein, alles in Ordnung, Monsignore, ich bin nur etwas erschöpft. Die vergangene Nacht konnte ich kaum schlafen. « Hugo wusste, dass der junge Mann ihn anlog. Er sah es ihm an. Der Novize war einfach zu höflich, um seine Schwäche vor ihm zuzugeben. Jacobus machte seit Längerem einen geschwächten Eindruck. In den Wäldern hinter Freiburg hatte er eine Schnittwunde beim Holzhacken erlitten, die sich entzündet hatte. Hugo konnte den dreckverschmierten Splitter entfernen und die Wunde reinigen, aber es war an der Zeit, dass der Novize eine bessere Versorgung bekam. Sein Zustand wurde zusehends schlechter. Hugo von Trendelburg war vor drei Wochen im Kloster Quartazzola eingetroffen. Er war im Auftrag von Papst Honorius III. auf Reisen, der in seiner Depesche verfügt hatte, dass man ihm einen Weggefährten zur Seite stellen müsse, der ihn über die Alpen nach Schönau begleiten sollte. Jacobus hatte keinen Moment gezögert und sich freiwillig gemeldet. Zwar fehlte es ihnen unterwegs an nichts, da Hugo als Abgesandter des Papstes überall willkommen war und mit dem Nötigsten versorgt wurde, doch war ihre Reise nichtsdestotrotz beschwerlich. Mehrere Nächte mussten sie im Freien verbringen. »Und? Bereust du deine Entscheidung, Jacobus?« Hugo versuchte, dem jungen Mönch, der kein Mann ausschweifender Worte war, eine Gefühlsregung zu entlocken. Gegen eine abwechslungsreiche Diskussion hin und wieder hätte Hugo nichts einzuwenden gehabt. »In Piacenza im Kloster«, setzte er fort, »war es bestimmt angenehmer als hier im kühlen und feuchten Wald der Sagen, nicht wahr?« Jacobus benötigte eine Weile, bis er antwortete. »Ich habe mich Gott verschrieben, Monsignore. Ob im Kloster Quartazzola, unterwegs auf Reisen oder zukünftig im Kloster Schönau. Nicht eine meiner Entscheidungen bereue ich. Sie waren stets Sein Wille, dem ich mich unterwürfig beuge.« Hugo hatte eine derartige Antwort erwartet. »Der Abt von Schönau kann sich glücklich schätzen, dich als neuen Novizen zu begrüßen. Ich werde ihm berichten, wie selbstlos du mich unterstützt hast. Mit ein wenig Glück bekommst du einen Schlafplatz, der nicht vor einem zugigen Fenster liegt.« »Wenn es Gottes Wille ist, schlafe ich auch im Stall bei den Schweinen, Monsignore.« »Wenn es Gottes Wille ist, schon, aber nicht, wenn ich ein Wort dabei mitreden darf.« Der Novize rang sich ein Schmunzeln ab. »Was glaubt Ihr, wie lange Ihr in Schönau bleiben werdet, Monsignore? « »Du sollst mich nicht jedes Mal Monsignore nennen, Jacobus. Das hatten wir bereits vor einer Woche besprochen. Hugo reicht völlig.« Der Novize nickte, was bedeutete, dass er es weiterhin nicht tun würde. »Ich kann es dir nicht sagen, Jacobus«, antwortete Hugo. »Sämtliche Geschehnisse bedürfen einer ausführlichen Untersuchung. Mal bin ich in einer Woche fertig, mal dauert es mehrere Monate. Ich werde außer Kloster Schönau noch andere Orte bereisen. Nach Augsburg und nach Regensburg wird es mich auf jeden Fall verschlagen. Abt Hartmann aus dem Kloster Prüfening hat dem Vatikan in dieser Sache eine Nachricht gesandt, der ich ebenfalls auf den Grund gehen muss.« Vor den zwei Reisenden öffnete der Wald nach Stunden seine Pforten, und sie ritten auf eine Lichtung zu. Die Sonne blitzte nach Tagen erstmals hinter den Wolken hervor. Jacobus stieß einen freudigen Seufzer aus. Seine erste echte Gefühlsregung an diesem Tag. »Was glaubt Ihr?«, fragte der Novize an Hugo gerichtet. »Werdet Ihr die Kanonisierung erfolgreich abschließen können?« Er schien von den Sonnenstrahlen ermutigt, gesprächiger zu werden. Hugo von Trendelburg schüttelte den Kopf. »So funktioniert das nicht, und so darf es nicht funktionieren. Ich darf mir im Vorfeld keine Meinung bilden. Ich reise an, um zu prüfen, nicht, um zu urteilen.« Er schaute nach rechts zu Jacobus. »Du weißt, welches meine Aufgabe ist?« Der Novize nickte. »Ihr seid der Advocatus Diaboli.« »Ganz richtig, der Diaboli. Umso bedeutungsvoller ist es, dass ich unvoreingenommen in das Verfahren einsteige. « Was Hugo von Trendelburg seinem Begleiter nicht sagte, war, dass er davon ausging, nein, er wusste es genau, dass er nicht mit Wohlwollen in Schönau empfangen werden würde. Man würde ihm Steine in den Weg legen, ihm Informationen vorenthalten und ihn anlügen. Es war Hugos vierte Kanonisierung, und er wusste, was ihn erwartete. Insgeheim hoffte er, dass es sein letztes Postulat sein würde, bevor er in der Hierarchie aufsteigen würde. Eigentlich sollte er gar keins mehr durchführen müssen, hatte man ihm versprochen. Von Honorius III. wurde er zu dieser Aufgabe nur auserkoren, eher gezwungen, weil er ursprünglich aus Paderborn stammte. Er war mit den ländlichen Gegebenheiten und der Sprache besser vertraut, als alle anderen päpstlichen Postulatoren. Er liebte zwar sein Amt und mit Lug, Trug und Missgunst umzugehen, war für ihn an der Tagesordnung, aber das Reisen machte ihm zunehmend zu schaffen. In schwachen Momenten, nach der zweiten Nacht im Freien, liebäugelte er mit einem festen Platz an der Seite des Papstes in Rom. Jacobus gab sich nicht geschlagen. »Ganz unvoreingenommen könnt Ihr nicht sein, Monsignore. Ihr müsst Euch im Vorfeld informieren und habt bereits einige Dokumente bei Euch, die Ihr jeden Abend am Feuer studiert habt.« Hugo beäugte ihn skeptisch. »Du willst tatsächlich eine Antwort von mir hören, oder?« Jacobus blickte unschuldig nach unten. Hugo lachte. »Nein, ist schon in Ordnung,